«Das längste und dunkelste Kapitel meines Lebens»: Familienvater spricht über seine Alkoholsucht

Mehr als die Hälfte seines Lebens kämpfte der Schaffhauser Samir Brunner gegen seine Alkoholsucht. Seit fast einem Jahr holt er sich Hilfe. Mit den SN spricht er über das längste und dunkelste Kapitel seines Lebens.
Wir nehmen Sie mit durch den alkoholfreien Monat von SN-Redaktorin Mahara Rösli. Wöchentlich spricht sie in Videobotschaften über ihr Befinden. Mit Experten und Betroffenen blickt sie auf verschiedene Themen rund um das Thema Alkohol.
In diesem Dossier finden Sie alle Einträge aus der Serie «Dry January – Ein Monat ohne Alkohol». Verpassen Sie auch auf dem Instagram-Account der «Schaffhauser Nachrichten» nichts zu diesem Themenschwerpunkt.
Den aktuellsten Bericht von Mahara Rösli finden Sie hier.
Bis vor einem Jahr ging Samir Brunner* zur Arbeit, abends trank er eine Flasche Wein, je nach Stimmung kam noch eine Dose Bier hinzu. Er trank täglich, manchmal in Gesellschaft und manchmal allein. «Das war normal», sagt der 35-jährige Familienvater und reibt nervös seine Hände. Einen Rausch? Diesen verspürte er selten, sein Körper hatte sich an den Alkohol gewöhnt. Fachleute nennen es einen «Functional Alcoholic» – also eine Person, die trotz seiner Alkoholabhängigkeit weiterhin arbeitsfähig ist. Brunner ist beruflich erfolgreich, arbeitet Vollzeit.
Doch: Seit seinem 13. Lebensjahr konsumiert er Alkohol, häufig in Kombination mit Cannabis. Je nach Stresslevel und Lebensphase schwankt die Menge. Jetzt ist er seit knapp einem Jahr fast trocken.
Der Schaffhauser nimmt im Sitzungszimmer der Suchtberatung des VJPS Platz. Zweimal wöchentlich kommt er vorbei, redet über das, was war und das, was ist. Patrik Dörflinger begrüsst Brunner mit Nachnamen – Distanz ist wichtig. Der Suchtberater will wissen, wie die vergangenen Wochen gelaufen sind. «Habe ich das richtig verstanden, es gab mehrere Situationen, in denen Sie getrunken haben?»
Brunner nickt und antwortet kurz angebunden: «Genau.» Glühweinstand, Weihnachtsessen der Arbeit und Familienfeier. Doch da gab es noch einen anderen Fall. «Ich hatte es streng, hatte einen Wutausbruch. Also habe ich, ohne zu überlegen, eine Flasche Wein geöffnet. Kaum hatte ich mir eingeschenkt, habe ich das Glas aber wieder ausgeleert», sagt Brunner.
Bei Dörflinger klingeln die Alarmglocken. Eigentlich plante sein Klient, ein ganzes Jahr keinen Schluck Alkohol zu trinken. Herr Brunner müsse nicht abstinent sein, aber lernen, einen normalen Umgang mit Alkohol zu pflegen. Brunner weiss, dass er kein normales Verhältnis zu Alkohol hat. Und er weiss auch: Er muss mit Dörflinger ehrlich sein, um sein Ziel zu erreichen.

Steigende Beratungszahlen beim VJPS
Die laufenden Dossiers auf dem Tisch von Patrik Dörflinger stapeln sich. 199 Akten sind es, um genau zu sein. Die Beratungszahlen steigen laufend, 380 Klienten hat der VJPS Schaffhausen 2024 bearbeitet. Die meisten von ihnen sind Männer, sie kommen wie Brunner wegen ihrer Alkoholsucht. Die meisten freiwillig, von sich aus oder auf Druck der Familie. «13 Prozent unserer Klienten haben ein Cannabisproblem, 16 Prozent kommen wegen ihres Kokainkonsums, 54 Prozent wegen des Alkohols», sagt Dörflinger. Schaffhausen liegt damit im Schweizer Durchschnitt. «Wer den Schritt schafft, zu mir in die Suchtberatung zu kommen, hat schon eine grosse Hürde überwunden», sagt Dörflinger.
Weil Alkohol verbindet
Brunner selbst ist enttäuscht von sich, wollte seiner Frau und sich selbst beweisen, dass er es ein Jahr ohne Alkohol und Cannabis schafft. Immer wieder hat er mit Depressionen zu kämpfen, setzt sich mit dem Entzug unter Druck. Er ist unsicher, introvertiert – hört lieber anderen zu, als seine eigenen Probleme in den Vordergrund zu stellen. Seine Gefühle zu zeigen, fällt ihm schwer. «Weil ich einen sehr tiefen Selbstwert habe, gab mir Alkohol immer das Gefühl von Zugehörigkeit», sagt der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln.
In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hat sich Brunner immer in Freundeskreisen aufgehalten, in welchen Alkohol toleriert wurde. «Es gab immer einen Grund, einen Ort zum Trinken: nach dem Fussballtraining, bei einer Grillade am Rhein, mit Freunden im Wohnzimmer», so Brunner. Denn mit der Substanz sind Gespräche gefühlt lockerer und tiefgründiger.
«Ich habe es als normal empfunden, über den Durst hinaus zu trinken. Denn ich konnte ja meiner Arbeit normal nachgehen.»
Je mehr er arbeitet, je selbständiger er wird, desto mehr Geld gibt er aus für Alkohol. «Ich habe es als normal empfunden, über den Durst hinaus zu trinken. Denn ich konnte ja meiner Arbeit normal nachgehen», sagt Brunner. Bis es ausser Kontrolle gerät.
Rückfälle sind normal
Während der Stress bei der Arbeit zunimmt, er eine Zusatzausbildung macht, häufen sich der Alkoholkonsum und die Gewaltausbrüche. «Ich habe zu dieser Zeit jeden Abend getrunken». Seiner Frau wird all das zu viel. Sie begleitet Brunner zu einem Psychologen, unterstützt ihn. Dann geht die grosse Suche nach einem passenden Therapeuten los. In Winterthur findet er jemanden. Die Chemie stimmt. «Das erste Mal im Leben habe ich Übungen zu meinem eigenen Körperempfinden gemacht», erklärt Brunner den Beginn seines Entzugs. Über Probleme zu sprechen, ist er sich nicht gewohnt.
«Ich hatte Schweissausbrüche, träumte von Alkohol und hatte immer wieder Zitteranfälle.»
Brunner feiert seine ersten Erfolgserlebnisse. Er trinkt immer weniger, denkt, er hat seine Sucht unter Kontrolle. Dann stagniert es. Brunner trinkt wieder häufiger, spürt sich immer weniger. «Anfang Januar 2024 ist mein Körper dann zusammengebrochen. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht täglich getrunken habe, wollte mein Körper nicht mehr mitmachen. Es war einfach alles zu viel».
Er wird von der Arbeit krankgeschrieben und für den körperlichen Entzug in die Akutabteilung der Klinik Breitenau eingeliefert. Auch dort stimmt es für ihn nicht. Die nächste Lösung: die Forel Tagesklinik in Zürich. Zwei Monate verbringt er in der halbstationären Abteilung, will seine Entwöhnung vorantreiben. «Dort habe ich viel gelernt. Vor allem über mich, und die Sucht.»
Nebst unzähligen Sitzungen in der Suchtberatung, bei Psychologen nimmt Brunner Medikamente wie Beruhigungsmittel. «Ich hatte Schweissausbrüche, träumte von Alkohol und hatte immer wieder Zitteranfälle.» Er verurteilt sich selbst, hasst sich für sein Suchtverhalten.
Während der ganzen Zeit ist Brunner fest davon überzeugt, bald seine Sucht hinter sich lassen zu können. Er ist ambitioniert. Weil er wieder arbeiten will, setzt er sich in Kontakt mit der Invalidenversicherung (IV), die ihn wieder in den Arbeitsalltag integrieren soll. Doch der Prozess dauert länger als gedacht. Also fängt er von sich aus wieder an zu arbeiten. «Ich wollte zu schnell zu viel. Also bin ich diesen November wieder zusammengebrochen», sagt Brunner mit zitternder Stimme. Der erneute Zusammenbruch zeigt: Er ist noch nicht so weit.
«Lange war für mich klar, dass Männer keine Gefühle zeigen dürfen. Ich war ein Schwarz-Weiss-Denker. Jetzt muss ich meine Grauzone erkunden.»
Mit Alkohol Probleme verdrängen
Auch wenn Brunner noch nicht abstinent ist, habe er sich geistig weiterentwickelt. Er fühlt mehr, ist sensibler geworden. Ab und zu fliessen auch Tränen. Und das sei gut so, sagt Brunner. Er, der lange niemanden an sich herangelassen hat. «Lange war für mich klar, dass Männer keine Gefühle zeigen dürfen. Ich war ein Schwarz-Weiss-Denker. Jetzt muss ich meine Grauzone erkunden.»
Welcher Mensch er ohne Alkohol ist, habe er lange nicht gewusst. «Herr Brunner hat über die Jahre hinweg viel kompensiert und verdrängt. Erst jetzt beginnt der Verarbeitungsprozess», sagt Dörflinger. Alkoholiker seien plötzlich mit Gefühlen und sozialen Einflüssen konfrontiert, die sie vorher nicht nüchtern ertragen mussten. «Man muss aber unterscheiden zwischen Personen wie Herr Brunner, die noch weitgehend funktionieren und integriert sind und jenen, die wegen ihrer Sucht schon lange alles verloren haben», erklärt der Suchtberater. Dort gehe es nicht primär darum, sie vom Alkohol wegzubringen, sondern vielmehr darum, sie so zu unterstützen, dass sie einigermassen im Alltag zurechtkommen. Suchtgefährdet ist aber nicht jeder: «Genetische Aspekte, die Psyche, soziale Einflüsse und das familiäre Umfeld spielen eine starke Rolle.»
Der Weg zurück ins Arbeitsleben
Inzwischen hat sich die IV bei Brunner gemeldet – und führt ihn vorsichtig zurück ins Arbeitsleben. «Bis jetzt läuft der Wiedereingliederungsprozess gut. Ich fühle mich wohl», sagt der 35-Jährige. Er arbeitet 50 Prozent als Gebäudetechnikplaner in Winterthur, wird sein Arbeitspensum bald erhöhen. Auch sein Team weiss von seinem Problem. «Alle gehen super damit um. Sie unterstützen mich », sagt Brunner. Auch wenn er Angst hat, wieder in sein altes Muster zurückzufallen, ist er motiviert. Er besucht alle seine Sitzungen und versucht, seinen Konsum zu reflektieren. Wie er in Zukunft mit Alkohol umgehen wird, müsse er für sich herausfinden.
*Name geändert