Ein Monat ohne Alkohol: Wie fühlt sich das an?

Der Januar ist da – und mit ihm die Zeit der guten Vorsätze. «Dry January» lautet der trendige Neujahrsvorsatz, der weltweit immer beliebter wird. Eine Herausforderung, der auch ich mich stelle. Bei meinem Selbstversuch teile ich meine persönlichen Erfahrungen und spreche mit Ärzten, Suchtberatern und Betroffenen über den Alkoholkonsum. Schaffe ich es, 31 Tage «trocken» zu bleiben?
SN-Redaktorin Mahara Rösli macht den Selbstversuch: Einen Monat lang ohne Alkohol auskommen – wie fühlt sich das an? In diesem Dossier finden Sie alle Einträge aus der Serie «Dry January – Ein Monat ohne Alkohol».
Es ist der 2. Weihnachtsfeiertag, beschwipst und fröhlich stolpere ich mit meinen Freunden aus dem «Salzhaus» in Winterthur hinaus in die kalte Winterluft. «Ich glaube, ich mache einen ‹Dry January›», sage ich zu meiner WG-Mitbewohnerin auf dem Heimweg. Die Idee fühlt sich gut an. Denn im vergangenen Jahr gab es manche Abende, die in einer geselligen Runde endeten – und da gehört in meiner Freundesgruppe ein Gläschen Wein oder Prosecco halt meistens dazu. Weil ich ein sogenannter Lebemensch bin – gerne unterwegs, sei es mit Freunden auf Partys oder bei gemeinsamen Abendessen –, fällt es mir schwer, auf die kleinen Genussmomente zu verzichten. Nicht weil ich es bräuchte, sondern weil es irgendwie selbstverständlich scheint. «Wieso nicht?», denke ich mir häufig und greife dann zum Glas, obwohl es genauso gut auch ohne ginge. Doch genau das ist der Punkt: Warum gehört zu einem Feierabendgespräch oft ein Glas Wein? Muss eine Feier wirklich immer mit Alkohol verbunden sein? Ich glaube, es geht auch gut einmal ohne.
Deshalb mein Sinneswandel: Seit dem 1. Januar trinke ich nichts mehr. Kein Feierabend-Glühwein, kein Glas Wein zum Fondue und kein Cocktail im Klub. Mein Ziel: Ich möchte Alkohol bewusster konsumieren und meinem Körper eine Freude bereiten. Wie oft habe ich eigentlich in der Vergangenheit getrunken, bei welchen Anlässen und – ganz ehrlich – warum eigentlich? Ich möchte herausfinden, in welchen Situationen ich in Versuchung gerate und wie sich der Verzicht auf Alkohol auf meine Psyche und meinen Alltag auswirkt.
Meistens wurde meine vorübergehende Abstinenz von meinem Umfeld akzeptiert, denn der «Dry January» ist inzwischen zu einem regelrechten Hype geworden. Ob im Büro oder im Freundeskreis: Ich bin längst nicht die Einzige, die sich der Herausforderung stellt. Nur ab und zu gab es Kommentare wie: «Das ziehst du eh nicht durch.» Und ja, wenn ich auf meinen Kalender schaue, könnte mein «nüchterner Januar» tatsächlich eine Herausforderung werden. Skiweekend, Hilari, Abendessen mit Freunden sind nur ein paar Beispiele.
«Wenn ich auf meinen Kalender schaue, könnte mein ‹Dry January› tatsächlich eine Herausforderung werden.»
Somit bin ich einer von Millionen Menschen, die der grössten Alkoholpräventionskampagne der Schweiz, die ihren Ursprung in Grossbritannien hat, folgen. «Seit Winter 2021 wird der Dry January in der Schweiz jedes Jahr durchgeführt», schreibt Dry January Schweiz auf seiner Webseite. Und die Bekanntschaft steige laufend. «Über die Hälfte der Schweizer Bevölkerung kennt die Kampagne. Rund 1 Million in der Schweiz lebende Menschen haben an Neujahr bei der Alkoholpause mitgemacht», schreibt die Organisation, die gar vom Bundesamt für Gesundheit (EDI) unterstützt wird.
Und genau deswegen nehmen wir unsere Leserinnen und Leser in den nächsten Wochen mit auf meinen persönlichen Selbstversuch und widmen den Januar dem Thema Alkohol – und dem Verzicht darauf. Es steht einiges an: Zu Beginn reden wir mit Ärzten, die uns erklären, welche gesundheitlichen Folgen der Alkoholkonsum hat und was mit dem Körper geschieht, wenn wir ihn ganz weglassen.
In der zweiten Woche rollt eine soziale Herausforderung auf mich zu. Halte ich an Hilari und im Après-Ski dem sozialen Druck meiner Freunde stand? Im Gespräch mit einem Suchtberater versuchen wir herauszufinden, wieso der Alkohol so fest in unserer Gesellschaft verankert ist und welche Taktiken es gibt, dem Alkohol zu widerstehen.
In Woche drei werfen wir einen Blick auf die wirtschaftlichen Folgen vom «Dry January». Wie reagieren Restaurants, Bars und Brauereien auf den Trend, der das Konsumverhalten beeinflusst? Welche alkoholfreien Getränke schmecken genauso gut oder sogar besser? Und wie werden diese hergestellt?
Und in der letzten Woche? Da wird abgerechnet! Wie habe ich mich in den letzten vier Wochen gefühlt? Hat sich mein Körper verändert? Und: Werde ich überhaupt wieder Alkohol trinken?
Also, seid dabei, wenn ich versuche, dem Alkohol Adieu zu sagen – zumindest für einen Monat. Und vergesst nicht: Es ist noch nicht zu spät, sich diesem Versuch selber anzuschliessen.