Was ein Pflegeroboter kann – und was nicht

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Die beiden angehenden Automatiker Patrick Tenger und Timo Rüeger mit dem Pflegeroboter Lio, der von März 2020 bis Dezember 2021 im Altersheim Emmersberg im Einsatz war. Bild: zVg

Wie reagieren Bewohner eines Altersheims auf Pflegeroboter? Welche Aufgaben können diese übernehmen und welche nicht? Unter anderem dies versuchten zwei Schüler in ihrer Berufsmatura-Arbeit herauszufinden.

von Gian Schäppi

Fast zwei Jahre lang war der Pflegeroboter Lio im Altersheim Emmersberg im Einsatz. Dort musste er nicht nur repetitive Tätigkeiten wie etwa das Bringen von Wasser oder Essen übernehmen, um das Pflegepersonal zu entlasten, sondern war auch Forschungsobjekt für die Interdisziplinäre Projektarbeit – die Berufsmatura-Arbeit – zweier Automatiker in Ausbildung am Berufsbildungszentrum Schaffhausen. Patrick Tenger und Timo Rüeger wollten sich im Rahmen ihrer Berufsmatura-Arbeit mit der Interaktion von Menschen und Robotern befassen. Es habe sich schnell gezeigt, dass Pflegeroboter für eine solche Betrachtung am besten geeignet wären, sagt Tenger. Doch sie besuchten Lio nicht nur beim Einsatz im Emmersberg und sprachen dort mit Pflegepersonal und Bewohnern, sondern führten zusätzlich In- terviews mit Herstellern und einem ETH-Professor, um alle Anspruchsgruppen miteinzubeziehen. «Es ging uns darum, nicht nur die technische Seite zu betrachten, sondern auch die psychologische», sagt Tenger.

Unbegründete Angst

Die Akzeptanz der Bewohner habe sich bei ihren Befragungen als erstaunlich hoch herausgestellt. Klar unterscheide sich dies je nach Aufgabe, die Lio erfüllen soll, aber bei repetitiven und einfachen Tätigkeiten stosse der Roboter grösstenteils auf Akzeptanz oder zumindest Toleranz, sagt Tenger. Auch für Unterhaltung der Bewohner – er kann beispielsweise Musik abspielen – oder einfache Spiele könne der Roboter eingesetzt werden. Generell bleibe Lio für die Bewohner aber immer eine zweite Wahl. «Er ist nicht so gut wie ein Mensch, aber besser als niemand», sagt Tenger.

Die beiden hätten bereits im Voraus vermutet, dass viele Pflegerinnen und Pfleger Angst hätten, durch Roboter ersetzt zu werden. Diese Vermutung habe sich bei Befragungen bestätigt, aber die Angst sei – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – unbegründet, sagt Rüeger. Es sei ihnen im Rahmen ihrer Arbeit auch wichtig gewesen, dies den Pflegenden aufzuzeigen. Roboter solcher Art seien technisch nicht genug fortgeschritten und momentan noch sehr fehleranfällig. «Im Emmersberg hatten sie am Anfang grosse Schwierigkeiten mit dem Roboter», sagt Rüeger. Das Pflegepersonal könne sich nicht auf das Funktionieren der Pflegeroboter verlassen. «Wir waren überrascht, wie wenig weit fortgeschritten die Roboter eigentlich sind», sagt Tenger. Auch die Sicherheit der Daten, die sich der Roboter über die Patienten merken soll, könne noch nicht gewährleistet werden.

Insbesondere im Gespräch mit den Herstellern habe sich ausserdem gezeigt, dass es gar nicht die Idee hinter den Robotern sei, das Pflegepersonal zu ersetzen, sagt Rüeger. «Es braucht etwas, das den Mangel an Pflegekräften kompensiert, und dazu dienen die Roboter», sagt Tenger. Trotzdem könne ein Pflegeroboter das Pflegepersonal niemals vollständig ersetzen, weil die menschliche Komponente insbesondere in diesem Bereich unersetzlich sei. Pflegeroboter wie Lio seien dazu da, einfache Arbeiten zu übernehmen, damit Pflegende die Zeit hätten, sich um wichtigere Aufgaben zu kümmern wie etwa Gespräche zu führen, sagt Rüeger. Dies werde sich auch nicht ändern. Dennoch werde man solche Roboter, solange der Mangel an Pflegepersonal bestehen bleibe, nutzen müssen.

Falsche Beziehungen

Einige Altersheime hätten sich bewusst dagegen entschieden, Pflegeroboter einzusetzen, sagt Tenger. Dies, weil sie eine Gefahr darin sehen, dass beispielsweise Personen mit einer Demenzerkrankung falsche Beziehungen mit den Robotern auf- bauen könnten und emotionale Reaktionen erwarten würden, welche die Roboter nicht geben können. Diese Gefahr halten Tenger und Rüeger jedoch für unrealistisch, da die Art von Pflegerobotern, wie Lio einer ist, optisch keine Gemeinsam- keiten mit Menschen habe. Es gebe jedoch humanoide Roboter, bei denen sich solche Probleme durchaus stellen könnten.

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