Bitcoin, künstliche Intelligenz und Cybersecurity: Das hat den Finanzchef der Kantonalbank 2024 bewegt

Wenn alles nach Bitcoin schreit, künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch ist und es nur eine Frage der Zeit ist, bis Hacker einen Angriff starten, dann kann man sich vorstellen, wie ereignisreich das Jahr 2024 für die Schaffhauser Kantonalbank war.
Zum Jahresende schauen wir zurück auf die Region und begegnen Menschen, die ihre Gemeinde oder ein Thema geprägt haben oder 2024 etwas Besonderes erlebt haben. Bis Silvester erwarten Sie täglich eindrucksvolle Rückblicke! Alle Texte finden Sie im Dossier.
Kaum eine Branche hatte im vergangenen Jahr so viele Berührungspunkte mit den grossen Themen des Jahres 2024 wie die Banken. Einer, der all diese Begebenheiten in die Kalkulation der Bankgeschäfte einfliessen lassen muss, ist Manuel Bächi. Der 48-Jährige ist Finanz- und Entwicklungschef (CFO) bei der Schaffhauser Kantonalbank (SHKB).
Herr Bächi, der Bitcoin-Kurs steigt ins Unermessliche, kürzlich gar über 100’000 Dollar. Trotzdem raten viele Banken, etwa auch die SHKB, vom Kauf ab. Warum?
Manuel Bächi: Der Bitcoin hat keinen inneren Wert, es fehlt die bewertbare Substanz, wie sie etwa ein Unternehmen hat. Er stellt unseres Erachtens eine Spekulationsinvestition dar, die morgen 200’000 Dollar wert sein kann oder eben nichts. Weil er nur von Angebot und Nachfrage getrieben wird, können wir ihn nicht mit gutem Gewissen empfehlen. Wenn unsere Kundinnen und Kunden aber dennoch Kryptowährungen kaufen möchten, können sie das indirekt machen, beispielsweise über Exchange Traded Funds (ETF). Dass die SHKB dereinst Bitcoin zum Kauf empfiehlt, kann ich mir aktuell nicht vorstellen – ich will es aber auch nicht ausschliessen.
Fast jeder nutzt mittlerweile künstliche Intelligenz (KI). Inwieweit beeinflusst sie das Bankgeschäft?
Im Tagesgeschäft spielt KI im Moment eine kleine Rolle. Sie wird hingegen künftige Prozesse stark beeinflussen und einen beträchtlichen Einfluss bei der Interpretation grosser Datenmengen haben – etwa bei aller Art von Transaktionen, aber auch wenn es darum geht herauszufinden, welche Bedürfnisse unsere Kundinnen und Kunden haben. Davor verschliessen wir uns nicht und analysieren aktuell verschiedene Möglichkeiten. Wir möchten KI allerdings gezielt einsetzen. Für Kundinnen und Kunden werden nach wie vor Mitarbeitende zur Verfügung stehen und keine Maschinen.
Sie sind Finanzchef einer Bank, dort hat doch aber jeder mit Finanzen zu tun – was ist Ihre Aufgabe bei der SHKB?
Ich verantworte die Finanzen der Bank und habe die Gesamtleitung dieses Bereichs inne. Wir erstellen das jährliche Budget der SHKB mit den Aufwänden und Erträgen. Natürlich wissen in einer Bank alle gut über das Thema «Finanzen» Bescheid; die Kundenberatenden nutzen dieses Wissen zum Wohl der Kundschaft – und wir zum Wohl der Bank.
Auch der Bereich «Entwicklung» liegt bei Ihnen. Wie entwickelt man eine Bank, die den Gezeiten der globalen Lage ausgeliefert ist?
Als Regionalbank haben wir den Vorteil, dass wir von den internationalen Geschehnissen direkt eher weniger betroffen sind. Trotzdem müssen wir die gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen berücksichtigen und leiten daraus unseren Handlungsbedarf ab. Etwa betreffend Digitalisierung: Viele möchten ihre Bankgeschäfte jederzeit selbst erledigen können, «24/7». Dieser Entwicklung müssen wir Rechnung tragen und Prozesse vereinfachen.
«Als Regionalbank haben wir den Vorteil, dass wir von den internationalen Geschehnissen direkt eher weniger betroffen sind.»
Sie sind seit Mai 2022 bei der Kantonalbank in der Geschäftsleitung. Wie haben Sie sich persönlich weiterentwickelt?
Als ich hier angekommen bin, habe ich eine spannende und finanziell gesunde Bank vorgefunden, die breite Kundenbedürfnisse abdeckt. In meinen zweieinhalb Jahren hier durfte ich bisher viel Wissen und Erfahrung dazugewinnen. Mein Umfeld motiviert mich täglich, Neues dazuzulernen. So entwickelt man sich auch persönlich stetig weiter.
2024 war das erste volle Jahr mit Alain Schmid als KB-CEO. Was entwickelt sich unter ihm anders als noch unter seinem Vorgänger Martin Vogel?
Alain Schmid geht sehr analytisch an seine Aufgabe heran und legt den Fokus vor allem auf die Themen, in denen wir als Bank noch Aufholbedarf haben. Unter Martin Vogel konnte sich die Bank eine Position der Stärke aufbauen, die es uns nun erlaubt zu investieren, um uns für die Zukunft und deren Herausforderungen weiter zu stärken. Denn meines Erachtens braucht es definitiv den hybriden Ansatz, das heisst, das klassische Bankgeschäft weiterzuentwickeln und dennoch digital einen Schritt nach vorne zu machen. Alain Schmid ist ein sehr guter Sparringspartner, der fördert und fordert.

Die Übernahme der CS durch die UBS ist so gut wie abgeschlossen. Konnte die SHKB davon profitieren?
Die Credit Suisse hat eine Lücke hinterlassen, insbesondere im Firmenkundengeschäft. Verschiedene Banken versuchen, diese Lücke zu füllen. Die Schaffhauser Kantonalbank hat insofern von der Übernahme profitiert, indem wir Mitarbeitende von der CS anstellen und auch in vernünftigem Mass Kundinnen und Kunden gewinnen konnten. Am Bankenplatz Schweiz legt sich die Unruhe nun langsam.
«Alain Schmid legt den Fokus vor allem auf die Themen, in denen wir als Bank noch Aufholbedarf haben.»
Welche Rolle spielt Gold heutzutage noch? Es findet ja gefühlt alles digital statt.
Gold spielt noch immer eine grosse Rolle, denn physisches Gold gilt durch seine Rarität und seine materiellen Eigenschaften als krisensicherer Wert. Einigen Anlegerinnen und Anlegern ist das auch heute noch wichtig.
Bankexperten sagen, dass sich das Umfeld und die Regeln für Banken drastisch geändert haben in den vergangenen Jahren. Wie äussert sich das?
Das stimmt. Zum Beispiel nehmen die regulatorischen Anforderungen an die Banken laufend zu. Mitarbeitende müssen mehr Schulungen besuchen, und wir haben einen grösseren personellen Aufwand ohne einen direkten Mehrwert für unsere Kundinnen und Kunden. Es handelt sich dabei insbesondere um internationale Regeln, die auch von regionalen Banken umgesetzt werden müssen, obwohl das meiner Meinung nach nicht immer verhältnismässig ist.
«Gold spielt noch immer eine grosse Rolle, denn physisches Gold gilt durch seine Rarität und seine materiellen Eigenschaften als krisensicherer Wert.»
Haben Sie ein Beispiel für so eine Regelung?
Beim Thema «Cybersecurity» geht es um operationelle Risiken, denen wir als Bank tagtäglich ausgesetzt sind und gegen die wir entsprechende Massnahmen treffen. Wir müssen ein ganzes Rahmenwerk erstellen und die Risiken so weit wie möglich reduzieren, zudem muss der Krisenfall durchgespielt werden. Das wird von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht vorgeschrieben, und bei dieser Thematik ergibt es sicher Sinn, dass sich auch die SHKB entsprechend rüstet.

Was ist Ihr persönliches Highlight des Jahres 2024?
Aus Banksicht ist es uns gelungen, Dynamik ins Thema «Digitalisierung» zu bringen – privat erfreue ich mich daran, wie sich meine Kinder zu selbstständigen Jugendlichen entwickeln und eigene Ziele verfolgen.
Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dem Jahr mit?
Ich bin immer wieder erstaunt, dass selbst Branchenexperten oft die Geschwindigkeit von Veränderungen an den Finanzmärkten unterschätzen. Beispiel Zinsen: In den Jahren 2022 und 2023 sind sie sehr stark angestiegen und gehen nun rasant wieder zurück. Das haben auch Finanzexperten in dieser Geschwindigkeit nicht erwartet. Im vergangenen Jahr ist uns der Umgang damit gut gelungen, dennoch soll es uns eine Lehre sein. Wir müssen auf verschiedene mögliche Szenarien vorbereitet sein – sie manifestieren sich schneller, als man gemeinhin annimmt.
«Ich bin immer wieder erstaunt, dass selbst Branchenexperten oft die Geschwindigkeit von Veränderungen an den Finanzmärkten unterschätzen.»
Welches Wort beschreibt das Jahr 2024 für Sie?
Überraschungen. Neben der schnellen Zinswende auch der starke Rückgang von verfügbarer Liquidität im Schweizer Markt und die unvorhersehbaren globalen Entwicklungen. Ich wähle bewusst ein positives Wort, weil ich nicht nur die Probleme sehe, sondern stattdessen die neuen Chancen nutzen möchte, die sich daraus ergeben, privat wie geschäftlich.
Was sind Ihre Ziele für das kommende Jahr?
Primär den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen, besonders wenn es um die Digitalisierung und um unsere Mitarbeitenden geht. In puncto Infrastruktur startet 2025 die Planung für die Neugestaltung des Hauptsitzes. Das Gebäude wurde in den 60er-Jahren gebaut und muss an den Klimastandard und an die Anforderung an moderne Arbeitsplätze angepasst werden. Es steht allerdings unter Denkmalschutz. Bis alle Bewilligungen vorliegen und wir mit dem Bau beginnen können, wird es wohl 2027.