Alle Mädchen an die Maschinen

Ungewöhnlich hoch liegt die Frauenquote am Mittwoch in der Wibilea, dem Ausbildungszentrum für technische Berufe. Grund ist der Meitli-Technik-Tag, der Mädchen für technische Berufe begeistern soll.
von Liv Ira Weltzien
Vorsichtig bewegt Gianna Mitolo die Kurbel einer grossen Standbohrmaschine. Der Bohrkopf senkt sich und fräst ein makelloses Loch in eine eingespannte Aluplatte. Anna Rechsteiner, Produktionsmechanikerin im ersten Lehrjahr, überwacht die Arbeitsschritte und steht der Schülerin helfend zur Seite.
Gianna Mitolo ist eines von 17 Mädchen zwischen der 6. Klasse und der ersten Oberstufe, die sich am Mittwoch im Zuge des Meitli-Technik-Tages in der Wibilea in Neuhausen für einen Tag lang besser mit Technik vertraut machen. In Gruppen aufgeteilt, schnuppern die Teilnehmerinnen in den vier Berufsfeldern Automatik, Informatik, Polymechanik und Konstruktion und lernen mit verschiedenen Arbeiten die Art von Technik kennen, mit denen sich der jeweilige Beruf befasst. «Es geht darum, dass das Stereotyp, dass nur Männer die technische Welt beherrschen können, beseitigt wird», sagt Anna Erne, KV-Lernende im zweiten Lehrjahr. Als diesjährige Organisatorin des Events freut es sie besonders, dass, nachdem der Tag letztes Jahr ausfallen musste, alle angemeldeten Schülerinnen gekommen sind, um sich mit der technischen Welt vertraut zu machen und diesbezügliche Hemmungen zu verlieren.
Vom Plan zum fertigen Produkt
Nachdem Wibilea-Geschäftsführer Thomas Maag zu Beginn des Events den Betrieb vorgestellt und über technische Berufe informiert hat, geht es für die einzelnen Gruppen an die ersten Stationen, wo die Mädchen direkt selbst gefordert werden. Während in der Informatikgruppe mittels Programmiersprache an einer Website gebastelt wird, lernen die Teilnehmerinnen in der Konstruktion, das dreidimensionale Modell eines Bleistifthalters auf den Bildschirm zu zeichnen. Wie dieser in Realität aussehen wird, lässt das noch nicht ganz fertige Modell im auf Hochtouren laufenden 3D-Drucker erahnen. Einen eigenen Bleistifthalter für zu Hause gibt es für die Teilnehmerinnen zwar nicht − ein Druck dauert 17 Stunden −, in der Automatik hingegen baut jede ihr eigenes Verlängerungskabel, welches am Ende vom Tag mitgenommen werden darf. Die 14-jährige Ladina Ruckstuhl isoliert deswegen gerade ein Kabel um einige Zentimeter ab. Bis jetzt konnte sie sich noch nicht vorstellen, in einem technischen Beruf zu arbeiten. «Ich schaue aber mal, wie es heute Abend aussieht», meint die Sekundarschülerin. Vor allem Einstellungen an den grossen Maschinen in der Polymechanik vorzunehmen und zuzuschauen, wie sie ihre Arbeit machen, habe sie sehr cool gefunden. Gianna Mitolo teilt Ruckstuhls Interesse für die grossen Maschinen. Im Anschluss an die Arbeit an der Standbohrmaschine bringt sie die Aluplatte, die später einmal ein Knobelspiel werden soll, zu einer rechnergesteuerten Werkzeugmaschine, die der Platte eine Gravur verpasst. Inzwischen erzählt Gianna, wie sie vom Meitli-Technik-Tag erfahren hat. «Meine grosse Schwester hat auch teilgenommen und davon erzählt, was sehr spannend klang», sagt sie. Eigentlich hat die Schülerin vor, einmal bei der Post zu arbeiten. «Ich bin mir aber noch nicht so ganz sicher und will mir so viele Berufe wie möglich anschauen, um zum Beispiel auch zu sehen, wie es in der technischen Welt aussieht», so Gianna.
«Nichts machen ist keine Option»
Seit 2007 führt die Wibilea interessierte Schülerinnen mit dem Meitli-Technik-Tag an technischorientierte Berufe, noch bevor die eigentliche Berufswahl beginnt. Betreut werden sie dabei hauptsächlich von Lernenden wie Anna Rechsteiner, die als Frau eine Minderheit in ihrem Beruf in der Produktionsmechanik darstellt. «Für mich war schon früh klar, dass ich was machen muss und nicht die ganze Zeit in einen Computer starren kann», sagt Rechsteiner zu ihrer Berufswahl. Da sie nicht aus Schaffhausen sei, habe sie nie einen Meitli-Technik-Tag besucht. «Würde es so etwas bei mir zu Hause geben, dann hätte es sicher mehr Mädchen in den Werkstätten», sagt sie.
Trotz Bemühungen habe sich die Zahl der in technischen Berufen arbeitenden Frauen in den letzten Jahren nicht gross verändert, meint Wibilea-Geschäftsführer Thomas Maag. «Nichts machen ist aber nie die Option», sagt Maag und weiter: «Man muss einfach dranbleiben, um den Mädchen zu zeigen, dass auch sie in solchen Berufen durchaus begabt sind.»